«Ich habe meinen Rhythmus und fertig»

«Ich habe meinen Rhythmus und fertig»

Die Unterhaltung mit ihm ist ein Vergnügen: Paul Schmid erzählt humorvoll, mit grosser Lebhaftigkeit und in einer kernigen Sprache aus seinem Leben.

Den Einstieg ins Gespräch findet er über seine Aktivdienstzeit. Im Jahre 1941 hat er geheiratet, und im Jahre 1941 musste er einrücken. Bis 1945 stand er im Dienst, unterbrochen nur von einigen kurzen Zeitabschnitten. Bis ins Luzernische befahl man ihn, doch am eindringlichsten sind seine Erlebnisse von der Grenzbesetzung. In Sulz war er stationiert, in Kaisten und in Laufenburg. «Der Kommandant wollte die Laufenburger Brücke in die Luft jagen, als ihm die Lage brenzlig erschien. Die Sprengladung war bereits vorbereitet. Aber ein Wachtmeister stellte sich diesem Vorhaben entgegen und riet, damit zu warten, bis die ersten deutschen Panzer angerollt kämen. Sie kamen nicht, und die Brücke blieb erhalten.»

Tag und Nacht mussten Paul Schmid und seine Kameraden auf Patrouillengänge, immer hin und her «tschumple», bei Kälte und bei Regen. «Ja, wir hatten natürlich den Kaput. Der war schon ziemlich warm. Aber wenn es regnete, seichte er durch, und wir wurden pflotschnass. Dann bekamen wir noch so Zeltumhänge, aber die waren auch nicht dicht.» Und die Unterkünfte? Schmid lächelt: «Die waren halt ganz einfach. Wir betteten unser Lager mit der Strohgabel.»

Manchmal gabs auch eine Abwechslung im Soldatenalltag: «Wir wurden einmal nach Ittenthal abkommandiert. Dort mussten wir dem Gemeindeammann bei der Kirschenernte und beim Heuen helfen.»

Im Rückblick sieht Schmid seinen Aktivdienst recht nüchtern, distanziert, kritisch: «Sicher war es eine wichtige Zeit, aber eine verlorene, ein Zeitverlust.» Immerhin: 1945, am Tage seiner Entlassung, kam der ältere seiner beiden Buben auf die Welt.

Kindheit in Birrenlauf

Paul Schmid ist als siebentes von zehn Geschwistern am südlichen Dorfrand von Birrenlauf geboren. «Doch, das muss Birrenlauf heissen; der Name Schinznach Bad kam ja erst viel später.» Der Vater hatte einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb mit etwas Vieh, Hühnern, Ziegen, Schweinen und Kaninchen und verdiente nebenbei ein Zugeld als Barrieren- und Streckenwärter. Es muss eine schöne Kindheit gewesen sein. Nebst den selbstverständlichen Hilfeleistungen hatten verschiedene Vergnügungen Platz: Schwimmen in der Aare, das Herumstreunen am Flussufer und das Fussballspiel, dem Schmid schon früh huldigte. (Später sollte er zu den Gründungsmitgliedern des FC Schinznach Bad gehören.)

In lebhafter Erinnerung geblieben sind Schmid die regelmässigen Überschwemmungen der Aare, die damals noch nicht durch Staustufen gemildert wurden. Und dann der Winter 1929: «Es war unglaublich kalt, bis gegen 30 Grad unter null. Ich erinnere mich genau, wie eine Menge grosser Eisschollen angeschwemmt wurden und gegen die Pfeiler der alten Aarebrücke krachten. Einmal turnte ich auf einigen Schollen herum. Da gerieten sie in Bewegung, und ich rutschte ins Wasser. Nur mit Ach und Krach konnte ich mich retten.»

Schuhmacher in Veltheim

Nach der Schule blieb Schmid zuerst ein Jahr lang zu Hause und half dem Vater. Dann konnte er sich bei Aeschlimann in Veltheim zum Schuhmacher ausbilden lassen: «Das ist eine Wissenschaft.» Alles fertigte er an, Damenschuhe, Männerschuhe, Militärschuhe, allerlei Stiefel und nicht zu vergessen die Spezialschuhe für Menschen mit sehr individuell geformten Füssen. «Wir hatten im Keller unten massgefertigte Leisten von Kunden aus der ganzen Schweiz.» Dazu kam die Herstellung von Einlagen, welche Knick- und Senkfüsse stützen sollten. Schmid versucht, verschiedene Arbeitsvorgänge detailliert zu schildern, doch die Beschreibungen bleiben für den laienhaften Zuhörer ein Geheimnis; schon all die Fachausdrücke von Schuhteilen und Arbeitstechniken würden ein Wörterbuch notwendig machen.

Bis zu seiner Pensionierung blieb Schmid der Firma treu. «Es war eine interessante Arbeit, aber es war auch ein Krampf.»

Im Dienste der Öffentlichkeit

Neben der strengen Berufstätigkeit nahm sich Schmid auch Zeit fürs Vereinsleben – 40 Jahre lang sang er im Männerchor Veltheim mit – und als politisch interessierter und engagierter Mann ebenfalls für Aufgaben im Dienste der Öffentlichkeit. In der Baukommission war er, 12 Jahre lang in der Schulpflege und von 1957 bis 1981 im Bezirksgericht. Die SP hatte ihn zunächst als Ersatzrichter vorgeschlagen; später wurde er Bezirksrichter. «Ja, da lernt man die Menschen kennen. Seither schaue ich nicht mehr darauf, ob einer eine Krawatte trägt oder nicht; ich versuche, den Menschen als Ganzes zu sehen.» Zu den einzelnen Fällen notierte er sich fein säuberlich einige Stichworte. So kam es nicht selten vor, dass bei ähnlich gelagerten Ereignissen seine Notizbücher gezückt wurden, um nachzusehen, wie damals entschieden worden war.

Und heute?

Noch immer erfreut sich Paul Schmid einer ausgezeichneten Gesundheit. Zwar schränkt er ein: «Da und dort beginnt es schon ein wenig zu linggen», aber wenn man seinen elastischen Gang beobachtet und die Leichtigkeit, mit der er sich bückt, hält man sein hohes Alter kaum für möglich. Auch geistig ist er überaus beweglich geblieben. Tagtäglich liest er die Zeitung und nimmt so am aktuellen Geschehen teil. Am Sonntag geht er ins Restaurant, wo er nicht nur das Mittagessen einnimmt, sondern so auch den Kontakt mit dem Dorf bewahrt. «Den Anschluss zu der Gemeinde darf man nicht vergessen, sonst ist man ganz schnell weg vom Fenster.»

Im Alltag pflegt er seine Rituale: die Hausarbeit, das Essen, die Gartenpflege sowie das Anfeuern des Holzofens, wenn es jetzt am Abend wieder kühler wird. «Ich habe meinen Rhythmus und fertig», sagt er mit einem Anflug von Ironie. Und vor dem Einschlafen schaut er sich gern ein Fussballspiel am Fernsehen an.

Seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben ist, fühlt er sich zuweilen etwas allein. Und doch: «Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte es schön.»

 

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