Den souveränen Diven gehört die Bühne

Den souveränen Diven gehört die Bühne

In der kleineren Miles Davis Hall in Montreux fanden zwei grosse Auftritte statt: Die Soul-Newcomerin Joss Stone empfahl sich als abgeklärte Entertainerin. Und die Alternativ-Rockerin PJ Harvey rettete ein fast schon verloren geglaubtes Konzert.

Hans Jürg Zinsli

Sie ist 17 Jahr, hat blondes Haar und eine Stimme, schwärzer als die Nacht. Joss Stone, von den europäischen Feuilletons bereits als weisse Schwester von Aretha Franklin emporgejubelt, gibt in Montreux ihr erstes Schweizer Konzert – und was für eines: Der gut einstündige Auftritt der englischen Newcomerin entpuppt sich als Geburtsstunde einer Diva.

Joss Stone singt nicht, nein, sie orgelt und schnurrt, schmachtet und schmeichelt, giggelt und gurrt sich durch die Tonleiter, als ob sie Gymnastik machte. Und das mit einer Lässigkeit, die verblüfft. Ganz selbstverständlich schäkert sie mit dem Publikum, tigert im Jeansrock von Bühnenrand zu Bühnenrand, wirft Mal um Mal die blonde Mähne in den Nacken. Nichts einfacher als das? Weit gefehlt. Die Vorband The Bees hatte genau das Gegenteil vorgemacht: Man kann ein packendes Konzert mit viel Sixties-Harmonien und stetem Instrumentenwechsel abliefern – und dabei über die Ausstrahlung einer Dose Katzenfutter verfügen. Kommunikation mit dem Publikum? Fehlanzeige.

Wenn der Funk zu funkeln beginnt

Ganz anders Joss Stone: Sie ist die neue Soul-Diva, die nicht nur strahlt, sondern auch ausstrahlt und die nur noch ihr Schulmädchen-Gekicher ablegen müsste. Denn musikalisch kann sie bereits alles: Die Songs vom Debütalbum – eine Aneinanderreihung von Soul-Standards – kommen live noch packender, noch schweisstreibender, noch sexier. Dies verdankt Stone nicht zuletzt einer souveränen siebenköpfigen Live-Band, die auch mal allein spielt, wenn das Vokalwunder eine Pause braucht. Doch dann reisst die 17-Jährige die Führung wieder an sich, bringt neues Material, packt den Funk aus, dem sie sich mit eigenen Songs auf dem zweiten Album widmen will. Und der funkelt, der Funk: knochentrocken im Aufbau, prall im Effekt – und ein Versprechen für die Zukunft.

Der Schlagzeuger beim Doktor

Denkwürdiges geschieht auch einen Tag später in der Miles Davis Hall: Erst nach Mitternacht betritt die britische Alternativ-Diva PJ Harvey die Bühne. Die Ursache: Ihr Schlagzeuger musste zuvor mit starkem Nasenbluten ins Spital. Der Auftritt stand auf der Kippe. Doch Harvey, seit drei Jahren nicht mehr auf einer Schweizer Bühne präsent, lässt sich davon nicht beirren. Sie will das Konzert unbedingt bestreiten. «Wir spielen jetzt mal», sagt sie, «und schauen, wie weit wir kommen.»

Wer möchte welche Gitarre?

Solche Risikofreudigkeit verlangt allerdings beträchtliche Umstellungen beim übrig gebliebenen Rumpftrio. Während die Leaderin jetzt fast alle Gitarrenparts übernimmt, springt Gitarrist Josh Klinghoffer zwischenzeitlich als Drummer ein. So gerät jeder Song zur improvisatorischen Gratwanderung. Der Roadie hat dabei alle Hände voll zu tun, weil er nie weiss, wem er welche Gitarre bringen soll. Und PJ – mit schwarzem Mini, bunten Söckli und rosa High Heels- muss sich auch mal ad hoc auf der Bühne ein Riff beibringen lassen. Doch unterm Strich funktioniert die ungeplante Instrumental-Reduktion prächtig. Die Alternativ-Diva erweist sich dabei als souveräne Dompteuse des unglücklichen Zufalls, gibt sich zerbrechlich, leise, dann wieder aufbrausend und laut, aber immer mit maximalem Einsatz.

Und dann, kurz vor ein Uhr morgens, bahnt sich Unglaubliches an: Schlagzeuger Rob Ellis kommt direkt vom Doktor doch noch auf die Bühne. Und PJ Harvey, die sich kaum halten kann vor Freude, wirft sich kniend vors Schlagzeug des frisch Genesenen, widmet ihm das nächste Lied, lächelt, strahlt und rockt dann trotz ärztlicher Ermahnung an Ellis’ Adresse noch einmal nach allen Regeln der Kunst. Fürwahr ein Happy End, das in die Geschichte des Jazzfestivals Montreux eingehen dürfte.

 

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