Branche unter blauem Himmel

Branche unter blauem Himmel

Freiluftaktivitäten liegen im Trend, davon profitieren auch die Ausrüster, mit an der Spitze Mammut aus Seon. Gefragt sind leichte Materialien und selbstreinigende Stoffe. Erstmals nach zehn Jahren erlebt die Industrie allerdings eine flaue Phase.

Markus ridder, Friedrichshafen

Eigentlich ist die Branche im Glück. In den vergangenen Jahren erlebten die Hersteller von Outdoor-Bekleidung und Freizeitausrüstung fast schon explosives Wachstum. «Das Marktsegment für Outdoor-Ausrüstung ist in der vergangenen Dekade jedes Jahr um rund 10 Prozent gewachsen», erklärt Rolf Schmid, Geschäftsführer der Conzzeta-Tochter Mammut. «Mit einem Umsatzanteil im Sportmarkt von 20 Prozent sind Outdoor-Artikel mittlerweile der grösste Posten.» Für 2004 rechnen die Seoner für ihr Unternehmen mit einem Umsatz von 95 (Vorjahr 82) Millionen Euro.

Das ist nicht zuletzt durch die Übernahme von Raichle und durch ausserordentliches Wachstum in den USA von etwa 50 Prozent bedingt. Der Schweizer Hersteller konnte in den vergangenen Jahren durch ein Umsatzwachstum von durchschnittlich 10 bis 15 Prozent stark profitieren. Durch die Flaute in Deutschland, dem wichtigsten europäischen Markt für Outdoor-Ausrüstung, glaubt Schmid in diesem Jahr aber höchstens an geringe Zuwächse.

Hohes Niveau hat auch Nachteile

Das hohe Niveau hat allerdings auch seine Nachteile. In diesem Jahr erlebt die Branche einen Dämpfer. Der Markt für Outdoor-Bekleidung und Freizeitausrüstung stagniert in Deutschland erstmals seit zehn Jahren. Mammut-Geschäftsführer Rolf Schmid teilte als Präsident des Branchenverbandes European Outdoor Group (EOG) an der Fachmesse Outdoor mit, dass man lediglich in Amerika, Österreich und der Schweiz noch mit einem leichten Wachstum rechne. Das Marktvolumen beträgt derzeit rund 320 Millionen Franken, das geschätzte Wachstum 2004 beträgt 2 Prozent (vgl. Tabelle).

Am besten laufen derzeit Schuhe, die auf ein jährliches Umsatzvolumen von 130 Millionen Franken kommen. Trotz eher verhaltenen Marktaussichten verzeichnet die Outdoor in Friedrichshafen dieses Jahr ein Rekordergebnis; mit einem Wachstum um 16 Prozent auf 572 Aussteller legt Europas grösste Messe für Freiluftaktivitäten noch einmal deutlich zu.

Von Krise kann eigentlich nicht die Rede sein. An eine Trendumkehr glaubt Beat Ladner, Redaktor der Fachzeitschrift «Sport und Mode», jedenfalls nicht: «Outdoor ist nicht einfach eine Modeerscheinung, ein Wechsel zurück in den Anzug geht nicht so schnell wie der von High Heelsauf flache Schuhe.» Die Stagnation sei auch unter den Vorzeichen des schlecht laufenden Textilmarktes zu sehen, der Preisdruck enorm. «Das leichte Minus im Outdoor- Bereich bedeutet nicht unbedingt ein Stückzahlen-Minus», sagt Ladner.

Neue Konkurrenten mischen mit

Den Spezialisten macht neben der Preiserosion vor allem zu schaffen, dass auch Hersteller von Alltagsmode wie H & M den Trend adaptieren und ähnliche Ware anbieten. Zudem bringt die meist hochwertige Qualität der Outdoor-Kluft mit sich, dass kein hoher Ersatzbedarf besteht. Auch die zunehmende Konzentration im Einzelhandel macht zu schaffen: «Uns fallen jedes Jahr rund 5 Prozent der Fachhändler weg, weil sie ihre Filialen schliessen müssen oder uns gegenüber zu stark die Preise drücken», sagt der Geschäftsführer des deutschen Herstellers Schöffel, Peter Schöffel. Mit einem Wachstum rechnet der Schwabmünchner Unternehmer auch im kommenden Jahr nicht. EOG-Präsident Schmid sieht lediglich in internationalen Märkten leichte Zuwächse von 2 bis 3 Prozent. Allerdings seien hier trotz der zunehmenden Auslandsaktivitäten deutscher Hersteller amerikanische Unternehmen wie etwa The North Face und Patagonia besser aufgestellt.

In diesem Jahr stand auf der Outdoor der Trend zur Leichtigkeit im Vordergrund. Schöffel präsentiert eine voll wasserdichte, atmungsaktive und ex trem leichte Jacke. Vaude-Chef Albrecht Dewitz hat eine Hose im Portfolio, die nur noch ein Drittel des Gewichts einer normalen Hose hat. Zudem zeigt er ein neues Zweimannzelt, das nur 1,5 Kilogramm wiegt. Auch Mammut-Chef Schmid setzt auf die Themen Leichtigkeit und Komfort. Beides spiegelt sich auch in neuen Textilien auf Nano-Technologie-Basis wider. So bietet der Schweizer Schuhe aus selbstreinigenden Materialien an. Das funktioniere nach dem Lotusblütenprinzip. Schmid erläutert: «Der Schmutz perlt ab, ohne dass man die Schuhe reinigen muss.» Mit den selbstreinigenden Schuhen habe der Trend zum Komfort einen neuen Gipfel erreicht. Nur laufen müsse man noch selbst.

Florierendes Textilsegment So genannte Outdoor-Kleider erlebten in den letzten Jahren einen Boom. pd

outdoor-markt schweiz

(Werte Mio. Franken)

2001 2002 2003 2004

286 305 325 345*

Prognose

Umsatzanteil nach Vertriebskanal

Sportfachhandel 45%

Outdoor-Spezialisten 14%

andere Kanäle 15%

Umsatzanteil nach Warengruppe

Bekleidung 38%

Schuhe 24%

Rucksäcke 12%

Schlafsäcke 6%

Zelte 5%

Accessoires 15%

Quelle: IHA-GFK

Freizeit-Aktivitäten im Freien boomenZur Sache Sporttouren-Anbieter trotzten in den letzten Jahren der Rezession

Jean-Pierre Damerau, Geschäftsführer der Bergschule Uri, hofft 2004 auf ein «Rekordergebnis». Neben den klassischen Bergsteigerarten hat auch die Nachfrage nach Auslandstrekkings etwa in Nepal, Russland oder Ecuador wieder angezogen. Vergessen ist damit die Zeit nach dem 11. September, als die Angst vor Terror Einbrüche im Auslandgeschäft brachte. «Wir erleben wieder richtigen Zustrom», sagt auch Markus Weiss von Outventure in Stansstad.

Der Renner: «Flying Fox»

Als Renner gilt derzeit «Flying Fox», der Ritt entlang gespannten Stahlseilen über Flüsse und Bäche. 8- bis 11 000 Gäste verzeichnet Outven ture pro Saison über sämtliche Sportarten hinweg. Das Unglück im Saxeten-Bach hielt Abenteuerlustige eine Weile auf Distanz. Outventure verzeichnete beim Bungee-Jumping und Canyoning damals einen Rückgang der Nachfrage auf 10% (!) der Vorjahreswerte. «Wir hatten einen viel stärkeren Einbruch zu verzeichnen als die Anbieter in der Region Interlaken», sagt Weiss. Er erklärt es damit, dass diese viel mit ausländischen Gästen arbeiten, während Outventure vor allem auf Schweizer Kundschaft zählt, die das Unglück wohl etwas länger und genauer in Erinnerung behielt.

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